Und die Angst der Moslems vor dem kritischen Dialog
In Köln-Ehrenfeld wird seit Wochen um einen Bau einer
Moschee gestritten. Die Ditib-Gemeinde Köln (Türkisch-Islamische Union der
Anstalt für Religion) möchte, so bekundet sie es, aus ihrem Hinterhofdasein
heraus und eine neue repräsentative Moschee mit einem Minarett bauen. Doch
gerade davor fürchten sich die Anwohner in Ehrenfeld. Organisiert sind sie in
der Bürgerbewegung pro Köln e.V., die sehr rechtslastig ist. Sie verbinden mit
dem Bau einer neuen Moschee viele Ängste, vor allem die Angst vor dem
islamischen Fundamentalismus. Der Oberbürgermeister Fritz Schramma befürwortet
den Bau einer Moschee, die Anwohner nicht.
Dabei versuchte die Ditib die Wogen zu glätten. Versprach,
es werde keine Muezzinrufe geben, lud die Anwohner zu Gesprächen ein. Alles half
nichts, die Ressintements unter den Anwohnern gegenüber dem Islam sind zu stark
ausgeprägt. Die Gegner haben klare Ansichten. „In der Türkei können wir auch
keine Kirche bauen“, behauptet ein Mann und eine Frau sagt, dass sie sich vor
einer Islamisierung fürchte. Sie befürchten die Überfremdung ihres
Lebensumfeldes. 120.000 Muslime leben in der knapp eine Million großen Stadt
Köln.
Die Moschee soll bis 2010 fertig gestellt werden und soll
Platz für 2000 Menschen bieten. Es ist eine repräsentative Moschee und ein
Symbol dafür, dass die Muslime in Deutschland Teil der Gesellschaft sind. Aber
wie sehr die neue, große Moschee als ein Zeichen für Integration stehen wird,
wenn die Ditib unter der Leitung und Aufsicht des staatlichen Präsidiums für
Religiöse Angelegenheiten in der Türkei steht, bleibt eine offene Frage. Zudem
ist dieses staatliche Präsidium in der Türkei selbst intolerant gegenüber z.B.
Aleviten, deren Cem-Häuser nicht als Gebetstätten anerkannt werden.
Der Streit um den Bau einer Moschee spiegelt die Angst der
Deutschen vor dem Fremden, vor dem Islam wider, aber auch den stoischen Willen
der Muslime, ihr Recht durchzusetzen. Schwierig wird es auch für jene Deutsche,
wie z.B. der Oberbürgermeister Fritz Schramma, die sich ärgern, dass
Ditib-Verantwortliche gegenüber deutschen Medien tolerant, gegenüber türkischen
Medien aber andere Töne anschlagen. Sie bringen den Oberbürgermeister dadurch in
Bredouille. Nun hat sich auch seine Partei, die CDU, gegen ihn gestellt. Sie
will über die Vorlage zur Ausgestaltung der Ehrenfelder Moschee dagegen stimmen.
Über 2500 Moscheen gibt es in Deutschland, viele davon
sind Hinterhofmoscheen. Der Islam ist in Deutschland eine Tatsache, sie kann
nicht ignoriert werden. Die Frage ist nur, wie die konservative Sichtweisen
einiger Muslime mit den pluralistischen Ideen einer säkularen Gesellschaft zu
vereinbaren sind. Viel wird in der Politik, in den Medien über die Integration
geredet und geschrieben. Jedoch wird die Integration unter gewissen Politikern
mit Assimilation verwechselt. Viele Muslime sind integriert, aber ihre
Religiosität möchten sie nicht aufgeben. Fakt ist, dass viele in Deutschland
glauben, dass der Islam mit dem westlich-demokratischen Gesellschaftsverständnis
nicht zu vereinbaren ist, dass der bärtige Muslim und die kopftuchtragende
Muslima nicht ins Bild einer säkularen Gesellschaft passen. Viele konservative
Muslime verstehen unter der Integration lediglich die Akzeptanz ihrer Religion.
Selbst eigene Zugeständnisse zu machen, kommt ihnen nicht gelegen. Für sie ist
die deutsche Gesellschaft dekadent und atheistisch.
Es hätte auch anders kommen können. Der Dialogbeauftragte
Bekir Alboga ging im Juli sogar auf den Vorschlag des Schriftstellers Günther
Wallraff ein, der in der Moschee aus Salman Rushdies „Satanischen Versen“ lesen
wollte. Einen offenen Dialog bot die Ditib an, Günther Wallraff versuchte die
Chance am Schopfe zu packen. Aber dieses kleine Projekt scheiterte, als den
Ditib-Funktionären das Risiko doch zu heikel war. Sie wollten die Veranstaltung
nicht auf dem Moscheegelände durchführen. Chance vertan, einen konstruktiven
Dialog zu starten. „Sie würde der Behauptung, der Islam sei “eine friedliche und
gemäßigte Religion” Glaubwürdigkeit verleihen“, schrieb Die Zeit.
Der Schriftsteller Ralph Giordano goss Öl ins Feuer, als
er behauptete, dass der Islam rückständig und archaisch sei und erhielt prompt
Todesdrohungen seitens der Islamisten und ungewollt Applaus aus der rechten
Ecke. Für ihn sind die Integrationsversuche Deutschlands, die Muslime in die
deutsche Gesellschaft zu integrieren, gescheitert. Allgemein sind viele Deutsche
gegen den Bau von Moscheen, es gibt viele Bürgerinitiativen, die ihren Unmut
darüber kundtun. So ist es Brauch, dass das Minarett nicht höher sein darf als
ein Kirchturm. Immerhin muss der christliche Charakter der Kommunen erhalten
bleiben. Aber auch einige Muslime möchten mit dem Bau von Moscheen ihre Macht
demonstrieren und nutzen die Ressintements der Deutschen dazu, ihre Gruppe
zusammen zu schweißen. Der Streit um den Bau einer Moschee in Köln spiegelt den
religiös-kulturellen Kampf zweier Gruppen wider, die undemokratischer nicht sein
könnte. Auf beiden Seiten gibt es Unbehagen und Vorurteile.
Seit dem Mord an Theo van Gogh in Amsterdam 2004 herrscht
vor allem in Westeuropa ein zustand der Islamophobie. Obwohl der Islam präsent
ist, ist die Unkenntnis über diese Religion immer noch groß. Der Islam wird
stets als eine Einheit, als ein Ganzes wahrgenommen. Die vielen konfessionellen
Unterschiede werden nicht wahrgenommen. Allgemein wird der Islam unter den
Nichtwissenden klischeehaft mit Kopftuch, Terrorismus und machohaften Männern
verbunden. Der Multikulturalismus verkauft Illusionen, sagen die Kritiker.
Selbst türkisch stämmige Autoren wie Necla Kelek oder Seyran Ates stehen in den
Reihen der Kritiker und sehen die Schuld in den „Gutmenschen“, die die
Intoleranz der Fremden tolerieren.
Die alles entscheidende Frage lautet, ob der Bau einer Moschee die Integration
der Muslime in die deutsche Gesellschaft fördert oder doch hindert.